
360 Tage clean – das kann mir niemand nehmen
Ein Gespräch mit Rahel über Rückschläge, Halt und ihren Weg zu sich selbst.
Interview: Miriam Bleuler
Wie bist du zum Rehazentrum gekommen, was hat dich hergeführt?
Ich war am Tiefpunkt. Mein Lebenspartner war gerade gestorben, ich total im Suff am HB Zürich. Da sass plötzlich jemand neben mir – ein alter Bekannter aus einer früheren Therapie. Ich erzählte ihm meine Geschichte und dass ich einen geschützten Rahmen suche. Ich konnte nicht mehr allein leben, nicht mehr in der Wohnung bleiben, die mein Freund und ich geteilt hatten. Er sagte: «Komm zum ‘Meilestei’!». Zwei Monate später habe ich den Entzug gestartet.
Was hast du in dieser Zeit in der Reha erlebt?
Ich bin zum zweiten Mal hier. Beim ersten Mal hatte ich Rückfälle, war nicht stabil und klammerte mich noch an die Substanz. Ich dachte, kontrollierter Konsum sei möglich, wollte deswegen eine eigene, externe Wohnung und nur die Tagesstruktur im Rehazentrum nutzen. Heute weiss ich: Es gibt nur eins – totale Abstinenz. Was mich beeindruckt hat: Nach meinem Rückfall wurde ich nicht verurteilt. Christoph und Jill haben mich nicht rausgeworfen, sondern weiter mit mir gearbeitet und mir eine zweite Chance gegeben. Diese Geduld – das kannte ich nicht. Ich kann mich auf die Struktur verlassen, auf klare Regeln, die mir Halt geben. Ohne sie würde ich in eine Depression rutschen. Roman, mein Arbeitsagoge, lässt mir viel Freiheit, und gleichzeitig gibt es Leitplanken. Ich liebe die Arbeit im Garten und mit den Tieren. Jetzt kommt noch das Bienenprojekt dazu. Das ist etwas, was mich schon lange interessiert hat. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Imkern kann. Und jetzt, im ‘Meilestei’, ergibt sich das einfach so. Das ist irgendwie mega schön.
Was hat sich seitdem verändert – innerlich wie äusserlich?
Ich bin 360 Tage abstinent geblieben – mein persönliches Highlight. Zum ersten Mal hatte ich genug Zeit und Klarheit, um an den Ursachen zu arbeiten. Nicht nur an der Sucht, sondern an dem, was dahinterliegt. Denn die Sucht ist oft nur ein Symptom. Mit der Therapie hier kann ich tiefer gehen. Leider hatte ich kurz vor dem einjährigen Jubiläum einen Rückfall – ein alter Trigger, ein altes Muster. Das war hart. Aber ich konnte es reflektieren. Und: Diese 360 Tage nimmt mir niemand.
Wie bist du mit diesem Rückschlag umgegangen?
Ich war enttäuscht. Ich hätte so gerne den Badge fürs Jahr geholt. Aber dann hat mir jemand aus der Schreinerei eine «360-Tage-Clean-Bean» als Schlüsselanhänger gemacht. Das hat mich sehr berührt. Jetzt überlegen wir im Rehazentrum, wie wir solche Meilensteine sichtbarer machen, nicht nur feiern, sondern würdigen. Solche Tage sind wichtiger als Geburtstage.

Was sind deine Wünsche für die Zukunft und was möchtest du anderen mitgeben?
Ich wünsche mir Stabilität. Ich habe so oft von vorne angefangen. Jetzt will ich ankommen. Mein Traum: möglichst selbstversorgend leben, nicht komplett offline, aber unabhängig und eigenständig. Vor allem nicht mehr von einer Substanz gesteuert. Und anderen sage ich: «Bleibt stark. Gebt nicht auf! Ich musste x-mal ganz unten durch. Aber ich stehe heute hier.»
Rehazentrum
Sozialtherapeutische Angebote unterstützen Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen bei Schritten in ein Leben ohne Suchtmittel.